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Digitale Souveränität unter NIS2

Mit der EU-Richtlinie steigt nicht nur der Handlungsdruck für mittelständische Unternehmen, sondern auch die Verantwortung für bewusste IT-Entscheidungen. Wer seine Datenstandorte, Cloud-Dienstleister und digitalen Lieferketten nicht kennt, riskiert mehr als nur Bußgelder.

Mittelständische Unternehmen – ob in Logistik, Industrie oder IT-Dienstleistung – stehen 2026 vor einer doppelten Herausforderung: Die neue EU-Richtlinie NIS2 weitet die Cybersecurity-Pflichten drastisch aus, und zugleich rückt das Schlagwort digitale Souveränität in den Fokus. Was bedeutet das konkret? Vereinfacht gesagt: IT-Sicherheit ist nicht mehr nur „Sache der IT“, sondern Chefsache. Cybersicherheit wird mit NIS2 zur Führungsaufgabe – Geschäftsführungen tragen nun persönliche Verantwortung und haften für Versäumnisse. Gleichzeitig müssen Unternehmen verstärkt darauf achten, wo ihre Daten liegen und wer darauf zugreifen kann, um sowohl Sicherheit als auch Compliance zu gewährleisten. Dieser Beitrag beleuchtet den Zusammenhang zwischen NIS2 und digitaler Souveränität aus Sicht des Mittelstands. Strategisch und lösungsorientiert zeigen wir: Warum es unter NIS2 nicht mehr nur um Technik geht, weshalb der Speicherort von Daten zum Risiko- und Compliance-Faktor wird, wie digitale Souveränität in der Praxis aussehen kann, warum es dabei nicht um „USA-Bashing“ geht – und welche Fragen sich Unternehmen jetzt stellen sollten, um resilienter zu werden.

 

Mehr als Technik: NIS2 macht Cybersecurity zur Chefsache

Lange Zeit galt IT-Sicherheit als rein technisches Thema der IT-Abteilung. Mit NIS2 ändert sich das grundlegend. Die EU-Richtlinie markiert einen Wendepunkt: IT-Security wird Teil der unternehmerischen Sorgfaltspflicht und Corporate Governance. Erstmals verpflichtet NIS2 Geschäftsführer und Vorstände ausdrücklich, Cyberrisiken aktiv zu steuern, Sicherheitsmaßnahmen abzusegnen und deren Umsetzung regelmäßig zu überwachen. Diese Verlagerung von Verantwortung ist kein theoretisches Detail – sie hat handfeste Folgen:

  • Persönliche Haftung: Versäumnisse bei der IT-Sicherheit können nun nicht nur Bußgelder nach sich ziehen, sondern persönliche Konsequenzen für die Leitungsebene. Das erhöht den Druck, Sicherheitsentscheidungen nicht zu delegieren, sondern aktiv zu treffen.
     
  • Entscheidungsfähigkeit auf Management-Ebene: NIS2 verlangt von Unternehmen, dass Cybersecurity-Themen in der Führungsetage verstanden und entschieden werden. Es geht um strategische Fragen: Welches Risikoniveau akzeptieren wir? Welche Investitionen in Sicherheit sind angemessen? Das Management muss befähigt sein, hier fundierte Entscheidungen zu treffen – und die Verantwortung dafür zu tragen.
     
  • Kulturwandel im Mittelstand: Für viele Mittelständler bedeutet das ein Umdenken. IT-Sicherheit ist nicht mehr bloß „Aufgabe der IT“, die man nach unten delegieren kann. Sie wird zum integralen Bestandteil der Geschäftsstrategie. Unternehmen müssen sicherstellen, dass Sicherheitsrisiken ebenso ernst genommen werden wie finanzielle oder operative Risiken.

Kurz: Unter NIS2 rückt Cybersecurity aus dem Serverraum ins Vorstandszimmer. Es geht nicht mehr nur um Firewalls und Passwörter, sondern um Führungsentscheidungen, Rechenschaftspflichten und eine gelebte Sicherheitskultur.

 

Datenstandort als Sicherheits- und Compliance-Faktor

Digitale Souveränität bedeutet zu wissen und zu kontrollieren, wo die eigenen Daten gespeichert und verarbeitet werden. Diese Frage war früher vor allem von Kostenerwägungen geprägt – heute ist sie ein Kernpunkt von Sicherheit und Compliance. NIS2 und andere Regularien (wie die DSGVO oder DORA) setzen Unternehmen unter Druck, ihre Datenspeicherung rechtskonform zu gestalten. Daten dürfen nicht in Rechtsräumen liegen, in denen unsichere Datenschutzgesetze gelten. Warum ist das so wichtig?

  • Juristische Risiken: Unterschiedliche Rechtsräume bedeuten unterschiedliche Zugriffsrechte. Ein prominentes Beispiel ist der US-amerikanische CLOUD Act. Dieses Gesetz erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten, selbst wenn diese auf Servern in der EU liegen. Für europäische Firmen entsteht ein Dilemma: Folgen sie einer solchen Anordnung, verstoßen sie womöglich gegen die DSGVO – verweigern sie, drohen in den USA Strafen. Solche Konflikte zeigen, dass der Speicherort der Daten keine Nebensächlichkeit ist, sondern Unternehmen vor strategische Entscheidungen stellt.
     
  • Schrems II und Datenübertragung: Seit dem Wegfall des Privacy Shield (Urteil Schrems II) ist klar, dass personenbezogene Daten nicht ohne Weiteres in die USA übertragen werden dürfen. Unternehmen müssen sorgfältig prüfen, auf welcher Rechtsgrundlage Dienstleister aus Drittstaaten Daten verarbeiten. Im Zweifel sind europäische Lösungen oder solche mit garantiertem EU-Datenschutz vorzuziehen, um Compliance-Risiken zu minimieren.
     
  • Vertrauen und Kundenanforderungen: Immer mehr Geschäftspartner und Kunden – gerade in sensiblen Branchen – fordern Nachweise, dass Daten sicher und EU-konform gespeichert werden. Eine Cloud-Strategie, die z.B. Datenhaltung in deutschen Rechenzentren vorsieht, kann zum Wettbewerbsvorteil werden. Es signalisiert: „Wir schützen eure Daten nach höchsten Standards.“ Gerade Branchen wie Finanzdienstleistungen oder Gesundheitswesen setzen zunehmend auf Anbieter, die Daten in der EU halten und somit dem strengen europäischen Datenschutz unterliegen.

Fazit: Unter NIS2 wird der Datenstandort zum Teil des Risikomanagements. Wo Ihre Daten liegen, ist nicht länger nur eine Frage der Effizienz, sondern eine Frage der Resilienz und Rechtskonformität. Mittelständler sollten daher genau hinsehen, in wessen Cloud sie ihre Informationen ablegen – und welche Gesetze dort gelten.

 

Digitale Souveränität in der Praxis: Maßnahmen für mehr Kontrolle

Theorie und Prinzipien sind das eine – aber wie lebt ein mittelständisches Unternehmen digitale Souveränität konkret? Hier geht es um bewusste Entscheidungen und transparente Strukturen entlang der gesamten digitalen Wertschöpfungskette. Einige praxisnahe Ansätze sind:

  • Bewusste Wahl des Hosting-Standorts: Unternehmen sollten genau abwägen, wo ihre Daten liegen. Das kann bedeuten, gezielt Rechenzentrums-Standorte in Europa oder sogar im eigenen Land zu wählen, um sicherzustellen, dass europäische Datenschutzgesetze gelten. Eine souveräne Cloud-Strategie kann vorsehen, dass alle Daten in Deutschland verbleiben, wo sie deutschen Datenschutzgesetzen unterliegen. So behält man maximale Kontrolle über rechtliche Rahmenbedingungen.
     
  • DSGVO-konforme Cloud- und IT-Partner: Digitale Souveränität heißt auch, die richtigen Partner auszuwählen. Mittelständler sollten prüfen, ob ihre Cloud-Anbieter, Software-Dienstleister und IT-Partner höchste Sicherheitsstandards erfüllen und vertraglich Datenschutz gemäß DSGVO garantieren. Wichtig ist Transparenz: Wer hat potenziell Zugriff auf unsere Daten? Seriöse europäische Anbieter punkten hier mit voller Transparenz über Speicherorte und Sicherheitsmaßnahmen. Aber auch große internationale Cloud-Anbieter bieten mittlerweile „EU-Regionen“ oder Datentreuhänder-Modelle – solche Optionen sollte man kennen und bewerten.
     
  • Nachvollziehbare Lieferketten und Drittparteien-Kontrolle: Kaum ein Unternehmen ist eine Insel – man nutzt Software von Zulieferern, hat Dienstleister für Wartung, Cloud-Provider und mehr. Digitale Souveränität erfordert, die ganze Lieferkette im Blick zu haben. NIS2 verlangt von Unternehmen, Risiken bei Drittanbietern systematisch zu prüfen und Mindest-Sicherheitsanforderungen vertraglich festzulegen. Praktisch heißt das: Man sollte beispielsweise von IT-Dienstleistern Sicherheitszertifikate oder regelmäßige Penetrationstests verlangen. Auch eine kontinuierliche Überwachung externer Schnittstellen gehört dazu. Kurz: Die Cyber-Resilienz Ihres Unternehmens ist nur so stark wie das schwächste Glied der Kette. Souverän ist, wer diese Schwachstellen kennt und adressiert.
     
  • Dokumentierte Datenflüsse und Prozesse: Wissen Sie, welche Anwendung welche Daten wohin schickt? Viele Unternehmen haben gewachsene IT-Landschaften, in denen Daten fließen – aber nicht immer ist dieser Fluss vollständig dokumentiert. Für echte Kontrolle (und NIS2-Compliance) sollte man Datenflüsse kartieren: Welche Systeme speichern oder verarbeiten personenbezogene oder kritische Daten? Gelangen Daten ins Ausland? Wer darf darauf zugreifen? Dieses Data Mapping schafft nicht nur Übersicht für interne Zwecke, sondern wird im Ernstfall Gold wert sein – etwa, um bei einem Sicherheitsvorfall schnell eingrenzen zu können, welche Bereiche betroffen sind. Zudem fordern Aufsichtsbehörden im Zweifel Nachweise über solche Zusammenhänge. Digital souverän handelt, wer seine IT-Landkarte kennt und die Pfade der Daten nachvollziehen kann.

All diese Maßnahmen zielen auf eines ab: Kontrolle behalten. Digitale Souveränität bedeutet, die Fähigkeit zu haben, jederzeit fundierte Entscheidungen über die eigene IT und Daten treffen zu können. So wird man vom Getriebenen (der blind einem Anbieter oder einer Black-Box-Cloud vertrauen muss) zum aktiven Gestalter der eigenen digitalen Zukunft.

 

Risikoorientierung statt „USA-Bashing“

Wenn von europäischer digitaler Souveränität die Rede ist, kommt schnell der Vorwurf auf, man wolle nur amerikanische Tech-Konzerne schlechtreden oder sich abschotten. Doch darum geht es nicht. Digitale Souveränität bedeutet keine Abschottung – sie bedeutet Wahlfreiheit und Selbstbestimmung auf Basis von Vertrauen. Es geht nicht darum, US-Anbieter pauschal zu meiden, sondern darum, eigenständige, informierte Entscheidungen zu treffen.

Worauf kommt es an?

  • Faktenbasierte Risikoabwägung: Ein US-Cloud-Anbieter wie AWS oder Microsoft mag technologisch führend sein, bietet Skalenvorteile und Innovation. Gleichzeitig bringt er juristische Risiken (siehe CLOUD Act) und potenzielle Abhängigkeiten mit. Ein souveränes Unternehmen schaut sich diese Fakten an und entscheidet dann bewusst: Für welche Daten und Anwendungen akzeptieren wir diese Risiken – und wo ziehen wir eine Grenze? Vielleicht lagert man Standard-Workloads in die Public Cloud aus, hält aber kritische Daten in einer Private Cloud oder bei einem europäischen Provider. Das ist keine ideologische, sondern eine risikoorientierte Abwägung.
     
  • Vermeidungen von Lock-in: Ein großer Teil von Souveränität ist, nicht in die Falle der völligen Abhängigkeit zu geraten. Auch wenn man mit US-Technologie arbeitet, kann man darauf achten, offene Standards zu nutzen, Portabilität vorzusehen und Exit-Strategien zu haben. Der Grundgedanke von Initiativen wie Gaia-X ist genau dies: Ein offenes Ökosystem, in dem große und kleine Anbieter eingebunden sind und kritische Daten unter europäischer Kontrolle bleiben. Europa will die Spielregeln so gestalten, dass Transparenz, Interoperabilität und überprüfbares Vertrauen gewährleistet sind – nicht um andere auszusperren, sondern um die Bedingungen zu bestimmen, unter denen wir mit ihnen zusammenarbeiten.
     
  • Kein Schwarz-Weiß: Pragmatismus statt Polemik – digitale Souveränität ist ein Balanceakt. Selbstverständlich können amerikanische Technologien Teil der eigenen IT-Strategie sein, solange man sich der Risiken bewusst ist und gegensteuert. Genauso kann es risikoreich sein, einem kleinen unbekannten EU-Anbieter zu vertrauen, der ggf. nicht dieselben Sicherheitsressourcen hat. Es geht darum, bewusst zu diversifizieren und für jede Komponente die passende Entscheidung zu treffen. Das ist letztlich gelebtes Risikomanagement.

Der Kernpunkt ist: Digitale Souveränität heißt Selbstbestimmung. Es ist kein Anti-USA-Aktionismus, sondern die Fähigkeit, als europäisches Unternehmen die Zügel in der Hand zu behalten. Oder zugespitzt formuliert: Nicht der Anbieter – ob aus Silicon Valley oder anderswo – kontrolliert uns, sondern wir kontrollieren ihn im Rahmen unserer Anforderungen.

 

Fragen für mehr digitale Resilienz im Mittelstand

Um den Weg zu mehr digitaler Souveränität und NIS2-Compliance zu finden, sollten sich Geschäftsführende und IT-Leitungen einige grundlegende Fragen stellen. Diese Reflexion hilft, den Status quo ehrlich einzuschätzen und Handlungsfelder zu priorisieren:

  • Sind wir von NIS2 betroffen, und wenn ja: Welche konkreten Pflichten gelten für uns? (Größe, Sektor und kritische Dienstleistungen bestimmen die Betroffenheit. Es ist essenziell zu klären, ob Ihr Unternehmen unter die „wesentlichen“ oder „wichtigen“ Einrichtungen fällt und welche Anforderungen damit einhergehen.)
     
  • Wo liegen unsere Daten – und welche Rechtsräume berühren wir dabei? (Haben wir volle Übersicht, in welchen Ländern unsere kritischen Daten gespeichert und verarbeitet werden? Unterliegen diese Daten eventuell außereuropäischen Gesetzen, die unserer Compliance entgegenlaufen könnten?)
     
  • Erfüllen unsere Dienstleister und Cloud-Anbieter europäische Sicherheits- und Datenschutzstandards? (Haben wir Verträge und Nachweise, die z.B. DSGVO-Konformität, Verschlüsselung, Zertifizierungen wie ISO 27001 oder TISAX sicherstellen? Fordern wir von unseren Lieferanten regelmäßige Sicherheitsreports und Audits ein?)
     
  • Wie gut ist unser Sicherheitsmanagement aufgestellt – von der Technik bis zur Organisation? (Gibt es dokumentierte Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und regelmäßige Risikoanalysen? Wird IT-Sicherheit regelmäßig auf Management-Ebene überprüft, und sind Schulungen für Mitarbeitende etabliert? Kurz: Leben wir bereits, was NIS2 verlangt, nämlich ein nachvollziehbares und angemessenes Sicherheitsniveau?)
     
  • Wo liegen unsere größten Schwachstellen in IT und Organisation? (Welche Lücken in unseren Schutzmaßnahmen kennen wir bereits – z.B. fehlendes 24/7-Monitoring, ungesicherte Schnittstellen, veraltete Systeme, mangelhafte Backup-Strategien – und wie kritisch wären deren Auswirkungen? Hier hilft ein schonungsloses Risk Assessment, um priorisiert vorgehen zu können.)
     
  • Wie würden wir auf einen schweren Sicherheitsvorfall reagieren? (Sind Meldeschritte und Verantwortlichkeiten klar definiert, z.B. für die 24-Stunden-Meldepflicht an die Behörde? Existiert ein Notfallplan, der auch den Fall abdeckt, dass ein Cloud-Provider ausfällt oder ein wichtiger Dienstleister gehackt wird? Wurden solche Incident-Response-Pläne bereits getestet, etwa in Krisenübungen, damit im Ernstfall jeder weiß, was zu tun ist?)

Diese Fragen sind kein einmaliges Prüfverfahren, sondern sollten regelmäßig gestellt werden. Die digitale Landschaft verändert sich ständig – ebenso die Bedrohungen. Wer hier ehrlich Bilanz zieht, schafft die Grundlage, um gezielt in mehr Resilienz und Souveränität zu investieren.

 

Fazit: Strategisch handeln – jetzt den Quick-Check machen

NIS2 und digitale Souveränität hängen eng zusammen: Beide drehen sich darum, die Kontrolle über die eigene digitale Infrastruktur zurückzugewinnen und Risiken proaktiv zu managen. Mittelständische Unternehmen tun gut daran, das Thema nicht länger aufzuschieben. Es geht nicht darum, jede technische Detailfrage selbst zu lösen – aber sehr wohl darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Wer frühzeitig handelt, kann Prioritäten setzen, Budgets planen und Schritt für Schritt ein höheres Sicherheitsniveau etablieren, anstatt später unter Zeitdruck hektisch reagieren zu müssen.

Der erste Schritt ist Klarheit über den Status quo. Nutzen Sie unseren NIS2 Quick Check (PDF), um strukturiert zu prüfen, wo Ihr Unternehmen steht. Diese kompakte Checkliste hilft Ihnen dabei, Ihre Betroffenheit einzuordnen, zentrale Anforderungen systematisch durchzugehen und Ihren Reifegrad in Sachen Security-Management einzuschätzen – so werden Handlungsfelder sofort sichtbar. Machen Sie jetzt den Quick-Check, um Ihre digitale Resilienz zu verbessern und gut vorbereitet in die NIS2-Ära zu starten. Jetzt kostenlos herunterladen und den eigenen Sicherheitsstatus auf den Prüfstand stellen!

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